Spezifische Fachlichkeit beginnt nicht beim Hilfsmittel, sondern bei einer fundierten Diagnostik des Sehens. Bevor wir Räume gestalten, Hilfsmittel auswählen oder Unterricht anpassen, betrachten wir den einzelnen Menschen – mit seiner Geschichte, seinen Stärken und seinem Tempo. Fachwissen aus Aus- und Weiterbildungen verbindet sich mit den Erfahrungen aus Wohnen, Schule, Ausbildung und Verwaltung. Erst dieser Austausch im multiprofessionellen Team macht unsere Spezifik aus.
Berufliche Bildung: Fachlichkeit, die den Menschen sieht
Berufliche Bildung mit dem Ziel erster Arbeitsmarkt
Im Berufsbildungswerk und in der Tilly-Lahnstein-Schule machten wir 2025 rund 250 jungen Erwachsenen Angebote von der Berufsvorbereitung über Schulabschlüsse und Ausbildung bis zur Umschulung. Unser Ziel ist die erfolgreiche Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt. Einige Teilnehmende bringen neben Blindheit oder Sehbehinderung weitere Beeinträchtigungen mit, etwa psychische, körperliche oder die Beeinträchtigung des Hörens.
Ergebnisse der Absolventenbefragung 2023–2025 (BAG BBW)
Eine Lernumgebung ohne Barrieren
Lernen findet überall statt – im Unterricht, in der Ausbildung, im Wohnbereich und in der Mensa. Deshalb gestalten wir Räume übersichtlich, kontrastreich und gut beleuchtet und statten sie mit geeigneten Hilfsmitteln aus. Screenreader und Vergrößerungssoftware gehören ebenso zur Standardausstattung wie tastbare Grafiken und Bildbeschreibungen aus unserem Medienzentrum. So schaffen wir die Grundlage für erfolgreiche Abschlüsse und zeigen zugleich, wie Arbeitsplätze und Wohnumfelder barrierefrei gestaltet werden können.
Multiprofessionelle Zusammenarbeit als Grundlage
Fachpersonen der Orthoptik erheben Befunde und beraten zu Hilfsmitteln, Vergrößerung, Kontrast und Beleuchtung. Rehafachkräfte schulen in Orientierung und Mobilität sowie in lebenspraktischen Fähigkeiten. Mitarbeitende aus der Pädagogik bei Blindheit und Sehbehinderung, der Sozialpädagogik, der Psychologie sowie aus Fachausbildungen in den Berufsfeldern verkörpern unsere Expertise. Kurze Wege, gegenseitige Unterstützung und eine gemeinsame Haltung prägen unsere Arbeit. Multiprofessionalität ist für uns die Grundlage hoher Qualität.
Den Menschen im Blick
Jede Maßnahme beginnt mit einem strukturierten Übergabegespräch. Dabei klären wir gemeinsam: Wie sieht der oder die Teilnehmende? Welche Hilfsmittel braucht er oder sie? Welcher Vorbildungsstand besteht? Wie ist die Wohn- und Gesundheitssituation? Welcher Schulungsbedarf besteht hinsichtlich Orientierung und Mobilität oder im Alltag? Was sind seine oder ihre Wünsche? Auf dieser Grundlage planen wir den weiteren Weg, orientiert an der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health), einer Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation. Die ICF schaut nicht nur auf die Diagnose, sondern auf den ganzen Menschen: auf seine Fähigkeiten, seine Lebenssituation und auf die Frage, was er oder sie zur Teilhabe braucht. Wir vereinbaren klare Ziele und halten regelmäßig Kontakt – mindestens einmal pro Monat. Wir stellen den Menschen in den Mittelpunkt, nicht die Maßnahme –, mit Blick auf seine Vorlieben, seine Stärken und seine Lebenssituation. Dass psychische Belastungen bei jungen Erwachsenen zunehmen, spüren wir
deutlich. Unser psychologischer Dienst, soziales Lernen, das LIFE-Programm und Freizeitangebote helfen dabei, innere Stärke zu entwickeln.
Praktika und betriebliche Ausbildung als Brücke in den Arbeitsmarkt
Entscheidend ist der Übergang in den Beruf. Deshalb ermöglichen wir umfangreiche Praktika in interessanten Betrieben, unterstützen bei der Praktikumssuche, informieren Arbeitgeber und fördern Begegnungen, etwa bei Social Days. Wo es passt, fördern wir den Wechsel in die VAmB – die Verzahnte Ausbildung mit Berufsbildungswerken. Hier verbringen die Auszubildenden Teile ihrer Ausbildung direkt im Betrieb. Mit Bewerbungsseminaren, Integrationsgesprächen und Nachbetreuung begleiten wir den Berufseinstieg.
Berufliche Bildung umfasst auch Persönlichkeitsentwicklung. Selbst für sich sorgen, mit Gefühlen umgehen, Konflikte lösen – auch all das lernen unsere Teilnehmenden bei uns. Auch Demokratie und das Miteinander in einer vielfältigen Gesellschaft sind Themen. Abgestufte Wohnformen unterstützen diesen Weg. Das neue 6-Tage-Internat der Tilly-Lahnstein-Schule ermöglicht Schülerinnen und Schülern jedes zweite Wochenende in Stuttgart zu bleiben – ein weiterer Schritt zu mehr Selbstständigkeit. Berufliche Bildung für junge Menschen mit Sehbeeinträchtigung bedeutet für uns weit mehr als Wissensvermittlung. Sie verbindet spezifische Fachlichkeit, individuelle Begleitung und das Vertrauen in die Fähigkeiten jedes Menschen. Gemeinsam schaffen wir die Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben und eine erfolgreiche berufliche Zukunft.